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INDEX NR01

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Auf den Zahn gefühlt: Rezzo Schlauch

Rezzo Schlauch wurde am 4. Oktober 1947 in Gerabronn geboren. Dort war sein Vater evangelischer Pfarrer. Schlauch erblickte das Licht der Welt nicht nur im gleichen Krankenhaus wie Joschka Fischer, sie wurden auch durch dieselbe Hebamme entbunden. Rezzo Schlauch machte Abitur und studierte Jura in Freibug und Heidelberg. Ab 1977 war er als Rechtsanwalt in Stuttgart tätig, wo er eine eigene Kanzlei aufbaute. Zu seinen Klienten gehörten u.a. Atomkraftgegner- und Volkszählungsgegner oder Hausbesetzer. Er ist seit 1980 Mitglied bei den grünen und erreichte 1982 bei der Oberbürgermeisterwahl in Crailsheim sensationelle 12%. 1984 zog er in den Bundestag in Baden Württemberg ein. 1990 wurde er Fraktionsvorsitzender und wechselte nach seiner Wahl über die Landesliste 1994 in den Bundestag. Heute ist er Fraktionsvorsitzender einer Regierungspartei.

Überzeugt hatte auch sein großer Erfolg bei der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart, bei der er doch immerhin um die 40% bekam. Vroni von Jugendline hat dem Politiker auf den Zahn gefühlt.

 

Man sagt, Sie seien im Moment einer der wichtigsten Männer in der deutschen Politiklandschaft, finden Sie das auch und, wie geht ein Mann wie Sie damit um?

Ich glaube, dass das übertrieben ist. Ich habe eine wichtige Position als Sprecher der kleineren Regierungsfraktion, in der rot-grünen Koalition. Insofern habe ich ein wichtiges Amt und ein wichtiges Mandat, aber einer der Wichtigsten, wissen Sie, da kommt zunächst der Kanzler, dann kommen die Minister, dann kommt das Kabinett, der Vizekanzler, also man sollte mit so Superlativen vorsichtig sein.

Welche Rolle spielt Macht in Ihrem Leben?

Eine positive. - Ich glaube, dass Macht, wenn man mit ihr verantwortungsvoll umgeht, dazu dient, Menschen zu helfen und Situationen zu verbessern. Es gibt viele Menschen, die sagen, Macht sei etwas Negatives. Das ist sie nur, wenn sie auch negativ ausgeübt wird. Mit Macht kann natürlich auch Missbrauch getrieben werden. Da glaube ich, dass die Demokratie sehr sensibel ist und das dann auch abstraft.

Sie sind schon lange im Politikgeschäft, anfänglich noch mit langen Haaren durch das Land getingelt, dann zusammen mit Herrn Kuhn bereits fest im Sattel und erfolgreich in Baden - Württemberg und jetzt auf der Bundesebene. Bleiben da nicht die eigenen Ideale, Vorbilder, Wunschträume auf der Strecke?

Ich kämpfe täglich für eine bessere Welt. Und zwar nicht auf dem Papier und nicht in Theoriediskussionen sondern in ganz kleinen aber messbaren Schritten. Wenn ich mir zum Beispiel mir den Hohenlohekreis anschaue, für den unser Energiekonzept sehr interessant ist: Wie erzeugen wir in Zukunft Energie und umweltfreundlich und ohne dass eine Gefährdung durch die Atomtechnik stattfindet? Wie erzeugen wir in Zukunft Energie ohne dass weiter durch Verbrennung von fossilen Brennstoffen, wie Kohle, CO2 in die Luft gestoßen wird?

Wir wollen, dass Menschen und Umwelt profitieren. Das war ein Traum der vor 20 Jahren seinen Anfang nahm. Damals sind wir für diesen Traum, für diese Idee ausgelacht worden. Da haben die CDU-ler im Landtag gesagt, das sind die Spinner, das sind die, die wieder zurück auf die Bäume wollen. Oder ein anderer Punkt, für den Hohenlohekreis auch ganz wichtig: Ich hatte den Traum, dass die Landwirtschaft die vor 20 Jahren betrieben worden ist mit einem unglaublichen Aufwand an Dünger, an Pestiziden und an Fungiziden, dass das keine Landwirtschaft ist, die Zukunft hat, dass sie Menschen krank macht, die Tiere krank macht.  Da habe ich gesagt, das muss anders werden. Jetzt gibt es vielleicht einen Punkt wo man sagen kann, natürlich geht mir auch manches zu langsam und manches erreicht man auch nicht so hundertprozentig, wie man es sich vorstellt. Aber man muss halt auch Kompromisse schließen. Ohne Kompromisse bleibt eine Idee schnell in der Luft oder auf dem Papier hängen.

Was würden Sie sagen, warum junge Leute ausgerechnet Sie wählen sollten?

Ich würde es mal nicht auf meine Person beziehen, sondern auf meine Partei. Die Grünen haben immer die Fragen der zukünftigen Generation gestellt. Wir haben die Welt nur von unseren Kindern geborgt Das will und soll heißen, wir müssen mit dem, was wir heute an politischen Entscheidungen treffen, immer auch im Auge haben, was ein oder zwei Generationen später passiert. Deshalb sind die Grünen oft auch unpopulär. Natürlich ist es populärer zu sagen, macht den Sprit billiger. Aber euch Jungen hilft das natürlich in 10 Jahren gar nicht, weil es in 10 Jahren viel weniger Sprit gibt, und der Sprit noch viel teurer ist als heute. Euch Jungen hilft, wenn wir heute Politik machen, die dazu führt, dass wir in 10 Jahren viel weniger vom Öl abhängig sind als heute.

Sie sind in Hohenlohe aufgewachsen. Haben Sie sich als Jugendlicher da wohl gefühlt oder ging es Ihnen auch so wie vielen heute, dass Sie das Gefühl hatten am Ende der Welt, in der Provinz zu Hause zu sein?

Ich finde Provinz nichts schlechtes. Ich bin gerne auf dem Land groß geworden, natürlich mault man, wenn man jung ist, es ist nichts los, es ist zu wenig los. Also wir sind in unserer Jugend in den Club Alpha nach Schwäbisch Hall gefahren. Natürlich fliegen einem da nicht die gebratenen Tauben ins Maul , aber auf dem Land aufzuwachsen hat auch viele Vorteile. Man kann sich austoben, man kann auch  beispielsweise in der Jagst baden und muss nicht in ein pilzverseuchtes Freibad gehen. Ich lebe jetzt viel in Berlin, aber selbst wenn ich die Zeit hätte - Sie können in Berlin jeden Abend zwischen 50 oder 100 Veranstaltungen wählen - was machen Sie? Die meiste Zeit sitzen sie dann doch vor dem Fernseher. Dass die Stadt das Paradies ist für Jugendliche, halte ich für vollkommen falsch. Denn Jugendliche fühlen sich in der Stadt auch schrecklich einsam und alleingelassen mit dem ganzen Angebot, das sie haben.

Wie sehen Sie die Chancen der heutigen Jugend im Vergleich zu Ihrer Jugendzeit?

Was ist heute anders als damals?

Heute ist natürlich ein viel gnadenloserer Wettbewerb als damals und Konkurrenz um Ausbildung. Damals war alles mehr oder weniger vorgezeichnet, diejenigen die auf das Gymnasium sind, diejenigen die auf die Realschule gegangen sind, die haben studiert, diejenigen die auf die Hauptschule gegangen sind, sind in die Lehre gegangen. Im Grunde gab es gar keine andere Möglichkeit. Heute ist alles wesentlich unübersichtlicher. Von Jugendlichen wird viel mehr Eigeninitiative erwartet. Wenn sie sich durchschlagen wollen, brauchen sie mehr Energie, sie brauchen mehr Fantasie, mehr Kreativität, um zu dem zu kommen, was sie wollen.

Was würden Sie den Jugendlichen sagen, worauf es ankommt im Leben?

Also Ausbildung an allererster Stelle. Es muss eine gute Ausbildung sein. Egal wie. Ob das eine Lehre ist, ein Studium ist oder ein Fachhochschulstudium ist. Und da muss man sich auch engagieren. Das kann man für meine Begriffe nicht so nebenher. Da muss man richtig einsteigen, damit muss man sich auch identifizieren. Was ich ganz wichtig finde und was heute wieder im Kommen ist, ist soziale Kompetenz. Darauf achten große Industriebetriebe. Soziale Kompetenz heißt, sich nicht nur für seine eigenen Interessen sondern auch für seine Familie, für sein Umfeld, für gesellschaftliche Bereiche zu engagieren, sich sozial zu engagieren. Das Engagement muß deshalb nicht gleich politisch sein. Jugendliche, die sozusagen immer nur auf dem Egotrip sind, die mögen kurzfristig andere überholen, aber langfristig glaube ich, dass ein Grundwissen im sozialen Bereich im gesellschaftlichen Engagement notwendig ist.

Was sagen Sie dazu, dass Jugendliche aus dem Hohenlohekreis ein Projekt wie jugendline.de auf die Beine gestellt haben?

Dass ich vor so etwas großen Respekt habe. Das ist ein tolles Beispiel dafür, dass man sich irgendwo engagiert, dass man irgendwo was macht, was außerhalb der unmittelbaren persönlichen Interessen liegt. In diesem Projekt können Jugendliche untereinander kommunizieren, und zwar auf der gleichen Ebene, anstatt zum Sozialarbeiter gehen, und zu sagen: Sozialarbeiter, kannst du mir nicht helfen. Hier findet eine Kommunikation, eine Unterhaltung, eine Begegnung statt, die nicht von oben und unten geprägt ist. Da kann ich nur sagen, brillante Idee, insbesondere in so einer ländlichen Region wie Hohenlohe, das kann man auch in der Stadt machen. Alle Hochachtung, das finde ich eine gute Geschichte.

Stimmt es, dass Ihr Vater mit dem Vater der Terroristin Gudrun Ensslin gut befreundet war? Hat das für Sie eine Bedeutung? Ist Ihr Büroleiter Felix Ensslin mit dieser Familie verwandt?

Ja, die beiden waren Studienfreunde und beste Freunde. Ja, natürlich macht das einen Unterschied in so einer Zeit, als es um die RAF (Rote Armee Fraktion) ging, ob die Leute einem bekannt oder fremd sind. Trotzdem habe ich nie verstanden oder gebilligt, was die gemacht haben. Auch das andere ist ein Volltreffer. Es ist richtig, dass Felix der Sohn von Gudrun Ensslin ist.

Das Gespräch führte Vroni Burkhardt

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