Lange Jahre war er als Sonderschüler abgestempelt, der es sowieso
zu nichts bringen kann. Doch Florian hat es allen Zweiflern gezeigt.
Für das jl-mag erzählt er seine Geschichte.
Das Unmögliche schaffen
Ich bin 22 Jahre alt, kam in Stuttgart zur Welt und verbrachte
meine erste Zeit in Leinfelden- Echterdingen. Mein Vater hat damals
im Jugendhaus Fasanenhof gearbeitet, später übrigens auch mal im
Jugendhaus Künzelsau. Als ich 1 oder 2 Jahre alt war, haben sich
meine Eltern getrennt und ich bin bei meinem Vater geblieben. Aus
dieser Zeit habe ich wenig Erinnerungen. Als ich 4 Jahre alt war,
sind wir nach Mainhardt- Hütten gezogen und es hat mich somit in
eure Gegend verschlagen. Von dort aus bin ich in den Walddorfkindergarten
nach Schwäbisch Hall gegangen, wo es mir großen Spaß gemacht hat.
Die Walddorfzeit im Kindergarten war eine schöne, behütete Zeit.
Dann bin ich zweieinhalb Jahre auf die Walddorfschule gegangen,
ehe ich auf die Förderschule nach Steinbach und dann später in die
Friedensbergschule im Langen Graben, ebenfalls eine Förderschule,
wechselte. Mit Ende der Klasse 9 ist es mir gelungen den Förderschulabschluss
zu machen, was eine ordentliche Anstrengung für mich bedeutete.
Anfangs ging es mir in der Schule viel zu schnell, und der Lernstoff
war mir viel zuviel. Deshalb habe ich mich in dieser ersten Schulzeit
ziemlich in mich hinein zurückgezogen. Ich hatte aber trotzdem immer
Freunde. Einzig das Malen hat mir richtigen Spaß gemacht, dort konnte
ich mich ausdrücken mit meiner Gefühlswelt. Sonst habe ich mich
ziemlich geschoben gefühlt. Beim Wechsel in die Förderschule haben
mir dann die starken Miesmacher zu schaffen gemacht. Die haben mich
des öfteren verprügelt und ich konnte mich nicht zur Wehr setzen.
Nur über LehrerInnen, die mich förderten, habe ich es geschafft,
mich durchzusetzen und mich durchzubeißen beim Lernen und so wurde
ich zumindest in der Schule dann auch besser. Das gab mir zunehmend
ein gutes Gefühl, dass ich den starken Muskeltypen schulisch überlegen
war. Das war eine gewisse Befriedigung für mich. In dieser für
mich schwierigen Zeit lernte ich, mich in Auseinandersetzungen durchzusetzen!!!
Einer meiner besten Freunde hieß Tobias, uns ging es beiden ähnlich
und wir haben uns gegenseitig unterstützt. Wir hatten noch lange
bis zum Ende meiner ersten Ausbildung Kontakt zueinander. Ich habe
die Förderschule für mich als große Kränkung empfunden. Den Stempel
Sonderschüler wollte ich auf keinen Fall behalten, und darum habe
ich auch gekämpft.
An meine Förderschulzeit schloss sich das Berufsvorbereitungsjahr
in der Gewerblichen Schule Schwäbisch Hall an, die ich mit dem Hauptschulabschluss
beendete. Dann machte ich beim Berufsfortbildungswerk eine dreijährige
Ausbildung zum hauswirtschaftstechnischen Helfer, als einziger Mann
übrigens in der Klasse. Über die ganze Zeit hatte ich das Gefühl,
dass meine Klassenkameraden sich vorkamen, als ob sie was Besseres
wären, weil sie sich leichter und offener ausdrücken konnten als
ich und das machte mir die ganze Zeit über zu schaffen. Im BVJ kam
noch dazu, dass einige Klassenkameraden mit kriminellen Machenschaften
zu tun hatten, was für mich sehr belastend war. Erst als die rausflogen,
fühlte ich mich sicher. Nur mit eisernem Willen, es schaffen zu
wollen, habe ich diese Zeit überstanden. Wichtig war dabei für mich
auch, dass ich mich traute, mich Erwachsenen mit den Problemen anzuvertrauen.
Die hauswirtschaftstechnische Ausbildung hat den ersten Schritt
zu meiner Selbständigkeit gebracht, auch weil ich viele Kämpfe mit
dem weiblichen Geschlecht austragen musste, als einziger Mann in
der Klasse.
Die abgeschlossene Berufsausbildung und der Hauptschulabschluss
ermöglichten es mir dann endlich, einen normalen Beruf zu erlernen.
Ich machte eine Ausbildung als Masseur und med. Bademeister in Heidelberg.
Bei der Masseurausbildung kamen alte Erlebnisse noch einmal hoch:
der viele Stoff hat mich erst einmal erschreckt. Deshalb habe ich
mir bei einer Therapeutin Hilfe geholt und so meine innere Sicherheit
wiedergewonnen und gefestigt. Dadurch wurde ich auch offener im
Umgang mit den Patienten und konnte gelassener mit ihnen arbeiten.
So war es auch wieder leichter für mich möglich, Freunde zu finden,
die ich dann sogar bei ihren Problemen unterstützt habe. Im Moment
bin ich noch dabei, mein Anerkennungspraktikum in Kipfenberg (Bayern)
hinter mich zu bringen. Ich mache es in einer REHA- Klinik für Herzkrankheiten
und orthopädische Erkrankungen. Wenn Ihr das Heft lest, bin ich
bereits fertig damit, Gott sei Dank! Und den Stempel bin ich auch
endgültig los!!!
Ab 17. April habe ich dann bereits meinen ersten Arbeitsplatz,
auf den ich schon gespannt bin und mich freue. Ich werde in Bad
Dürkheim in einer Kureinrichtung für alle Altersgruppen und fast
alle Krankheitsbilder, die physikalisch - therapeutisch behandelt
werden können, arbeiten. Vor 10 Jahren in meiner größten Not, hätte
ich niemals daran geglaubt, dass das einmal Wirklichkeit werden
könnte!
Über die ganze Zeit, die ich Euch da darstelle, zieht sich quasi
als roter Faden meine Zeit beim Roten Kreuz mit durch, wo ich ehrenamtlich
seit 8 Jahren als ausgebildeter Sanitäter arbeite. Immer wieder
arbeite ich auch ehrenamtlich im Rettungsdienst als 3. Mann mit.
Außerdem habe ich mich für 7 Jahre verpflichtet, um dem Wehrdienst
zu entgehen.
Über mein Leben würde ich sagen: Eigentlich bin ich glücklich.
Andererseits bin ich unglücklich, weil mein Praktikum nicht so rund
gelaufen ist, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich bin mit meinem
Chef die meiste Zeit über nicht ausgekommen. Der Chef war sehr ungerecht
mit mir. Er hatte von Anfang an ein Bild von mir, das mir keine
Chance gelassen hat und mich in seiner Wertschätzung niedriger eingestuft
hat als andere. Solche Erfahrungen habe ich beim Roten Kreuz, bei
meinem Hobby, nie gemacht. Das hat mir die Selbstbestätigung gegeben,
die 6 Monate Praktikum trotz alledem durchzuhalten.
Auf die vollwertige Ausbildung bin ich schon sehr stolz, weil mir
das auch niemand zugetraut hatte.
Wenn ich an meine Zukunft denke, freue ich mich. Ich kann durch
meine Arbeit mit Menschen viel erreichen, dass ich ein ausgeglichener
und zufriedener Mensch sein kann.
Ich träume davon, mal mit einem Segelschiff eine größere Fahrt
zu machen, Berge zu besteigen und viele Reisen zu machen; Menschen,
Länder, Abenteuer kennen zu lernen.
Zwei Lebensgrundsätze sind mir wichtig, die ich Euch auch gerne
weitergeben will:
' Tue erst das Notwendige, dann das Mögliche, und plötzlich schaffst
Du das Unmögliche'.
' Ärgere Dich nicht über deine Fehler und Schwächen, ohne sie wärst
Du zwar vollkommen, aber kein Mensch mehr!'
Am meisten geholfen hat mir meine Fähigkeit, immer wieder Menschen
zu finden und kennen zu lernen, die an mich glaubten und die mich
in meinem Bemühen unterstützt haben.
Das war's. Euer Florian. Viel Spaß beim Lesen.
nach
oben
|