„Try walking in my shoes“ (Depeche Mode)
Zunächst wohnte sie bei der Mutter später beim Vater, allerdings
nur am Wochenende und auch nicht an jedem. Das Internat ist ihr
vorläufiges Zuhause. Geht ganz eigene Wege, mutige auch. Sie war
allein in den USA und allein in Moskau. Inka ist heute eine der
besten SchülerInnen in ihrer Klasse. Im Sommer hat sie aufgrund
eines Spiegelartikels bei der deutschen Bank in Frankfurt ein Praktikum
gemacht, sich eigenständig darum gekümmert. Kunst und Theater sind
für sie wichtige Bereiche des Selbstausdrucks. Inka ist bei aller
Vergangenheit ein zukunftsgerichteter Mensch. Sie hat noch viel
vor.

Inka ist 19 Jahre alt und geht aufs Schlossgymnasium in Künzelsau.
Sie war in der Grundschule eine mehr als schlechte Schülerin, fühlte
sich oftmals verlacht, wiederholte die vierte Klasse. Später trennten
sich die Eltern.
Sorry, aber hey, hey, keine Moralpredigt. Keine Lebensanweisung.
Für mich genauso „Last resort“ wie Papa Roach es stellvertretend
für viele junge Geister in die Welt der Weisen schreien würde. Jungs
mit schwarz lackierten Fingernägeln und tätowierten Waden. Mädchen
mit „Leck mich!“ auf den Lippen. Absage an die Erwachsenenwelt.
Den Weg selbst finden müssen, ‚cause I‘m losing my sign, losing
my mind, wish somebody would tell me advice‘, oder ‚ nothing‘s all
right, nothing is fine‘. Sind wir intelligenter als unsere Eltern?
Warum durchschauen wir? Warum bleibt es nicht vor uns verborgen?
Techno, Piercing, No Doubt: „ I‘m just a girl“, Nirvana: „Here we
are now, entertain us!“, Loveparade: „One World one Future“, Farbe:
Pink. Irgendwo auch noch Realität, lügende Politiker, Aufbau Ost,
Fischer und Bush, BSE, AIDS, Pille, Krebs und Ozonschicht, irgendwo
Krieg. Verstümmelte Leichen an Orten ohne Namen, um 20 Uhr Unterbrechung
für Big Brother. Gelegentlich irgendwo wir, oder die, die wir sind.
Warum ich hier zu Wort kommen soll? Weil ich viel zu sagen habe!
Wie viele andere. Wichtiges. Klartext. Heute hier, gekommen von
ganz woanders her. Mein Name? Inka. Alter: 19 Jahre, Gymnasium,
12.2., Künzelsau. Tempora moris, Zeit vergeht, warum sagt‘s eigentlich
keiner? Sprich Papa R.: Broken home. On and on. I know my mother
loves me, but there‘s my father. If I‘m sad and angry, you were
never ever there. I hope, you regret what you did.“ Oh Gott, ein
gestörtes Scheidungskind. Geschichte, eine von vielen. Short stories.
„Stories?“, frag‘ ich, wer blickts hier eigentlich nicht? Lügen,
Schlagen manchmal, Tränen. Zu viel gefragt. Wer entscheidet hier
eigentlich über Gut und Böse? Wer spielt hier eigentlich Gott? Ist
es denn nicht wichtig? Lieber Gott, woher bekomme ich das alles
zurück? Das war doch mal ich. Verstehen, mit der Zeit. Besen. Borsten,
schwarz und umgebogen, zu lange gestanden. Feuer. Allein. Arme und
Beine zerschneiden. In der Pause. Zwischen Morgen- und Mittagsschule,
Jimmy Hendrix hilft. Schnitte zählen. Wundsalbe und irgendwann:
zum Glück Narben keine. In der Grundschule Dialekt im Diktat, 40
Fehler, x- Mal umziehen, von Land in Stadt, dummes Kind, Asyl Natur.
Aber nur so lange wie Kind. Stromer. Geht nicht verloren. Psychologische
Hausaufgabenbetreuung im Landratsamt. Vierte Klasse wiederholen,
in der sechsten plötzlich Wandlung. Mutter scherzt: „Kind pflegeleicht.“
Sarkasten sind bedauernswerte Menschen. Später Bestätigung, dass
es zwischen Mutter und Tochter keine Beziehung gegeben haben kann.
Farbe: gelb, Ekel. Plötzlich eine der Klassenbesten, sechste, siebte,
achte, neunte, Klasse. Seltsam? Wirklichkeit. Teenage riot. Sanft.
Kein Geld dazu. Nur in meinem Kopf. Nicht. Hilferuf an Jugendamt.
Selbst. Die Jugendbeauftragte bei uns zu Hause. Plötzlich Heile
Welt. Jüngere Schwester, Mutter, deren Freund. Nicht mehr fähig,
irgendwas zu sagen. Wer die Wahrheit sagt, lügt. Beurteilung: Lappalie.
Fühle mich asozial. Folge: in mir nichts mehr ganz. Jugendamt will
nicht zahlen. Soziale Wohngruppe besichtigt. Asche auf dem Küchenboden.
Nichtraucherin. Mit 16 zum Vater und seiner neuen Familie. Wir kennen
uns vom Wochenende. Wir kennen uns nicht. Oma springt ein. Weihnachten
und Ferien. Asyl. Danke. Gericht. Sorgerechtsumschreibung. Unterhaltszahlung.
Tout dèjà vu. Außer meinen Kleidern und meinem Schreibtisch nehme
ich nichts mit. Besitze nicht mehr. Keine Hilfe, vier Kartons. Als
die Garagentür das letzte Mal ins Schloss fällt, Mutter verlassen.
Nach einem halben Jahr Schule in Künzelsau. Zu Hause selten. Nicht
willkommen. Schulalltag Asyl. Introvertismus und Theater AG. Arthur
Schnitzlers „ Der grüne Kakadu“. Rolle: Georgette. Sage, was ich
sehe. Ausgeschlossen nicht zu 100 Prozent. Anders? / „ Am I different,
or am I only saying I‘m different?“ - „ American High“, USA, Sommer
2000. Seit 12.1. Zweizimmerwohnung mit Vater, 130 Kilometer von
Künzelsau. Nur alle 14 Tage zu Hause. Wir kennen uns nicht. Wir
verstehen einander nicht, sprechen unterschiedliche Sprachen. Lebe
in zwei Welten. Will seine Sprache nicht sprechen. Stolz. Nicht
länger wie Sommer 2002 gebe ich uns. Große Flatter. Weiß, was ich
will. Stromer. Von irgendwo ganz anders. Nicht so - nicht hier jetzt.
Ich kann sagen, ich habe viel gelernt. Habe mich gezwungen zu verstehen.
Heute weiß ich, dass es gut war. Die Brücken hinter mir sind abgebrochen.
Immer noch. In meinem Kopf. Ich glaube, dass ich stark bin und ich
glaube, dass ich stark sein will. Früher eher intuitiv. Jetzt neu.
Die Augen endlich aufgeschlagen. Endlich sehen. Ich entscheide,
was wichtig ist. Weg, der notwendig ist. Alles. Kraft. Vielleicht
wieder Liebe? Irgendwann. Wer? Keine Jasagerin und keine Antworterin.
Nach Wolfgang Borchert, Draußen vor der Tür. Sommer 2000 in den
USA. Weihnachten und Silvester in Moskau. Rucksack, Zug, Ticket,
Gin Tonic Water 9 Vol.%. Alleine. Drei Minuten vor 24.00 Uhr, Putin
auf der big screen auf dem Roten Platz. Weiß, rot, blaue Flagge
40 Meter vor mir. Geschwenkt. Menschenmenge. Gegröle.
Ich möchte noch viel sehen. Ich will viel wissen. Viel machen.
Weiß genau was. Stromer von früher. Lasse mich nicht einsperren.
Bin keine Jasagerin. Ich will. Noch. Wieder. Ich höre nicht auf.
Inka von Olnhausen
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